Indianerpfad

Ethnomedizin - Naturspiritualität

 

Das Leiden der Naturvölker unter westlichem Kolonialismus hat noch immer kein Ende. In der grünen Welt des Amazonas gibt es durchaus Vertreibungen unter Waffeneinsatz, wegen des Holzes der Urwaldriesen oder weil Bodenschätze vermutet werden. Zumeist geschieht die Unterdrückung subversiver.

Das Abschmelzen des arktischen Eises ist eine Katastrophe für die Inuit. Ihre traditionellen Jagdreviere fallen buchstäblich ins Wasser, das Eis ist zu dünn für die Robbenjagd. Auch Eisbären haben ihre Mühe mit dem Klimawandel. Man schätzt, dass die Hälfte der dortigen Arten innerhalb der nächsten 25 Jahre aussterben werden. Den ersten geologischen Untersuchungen (Öl? Gold?) des nun eisfreien Landes (Grönland, Alaska, nördliches Kanada, Sibirien...) werden andere Kulturfremde in Scharen folgen.
Bei den Stämmen der Sioux liegt Vertreibung aus dem Paradies nun schon über 120 Jahre zurück. Mit der Beinahe-Ausrottung des Büffels (Tatanka) entfiel die Existenzgrundlage der freiheitslebenden Jäger. Ihr Territorium schrumpfte mehr und mehr bis auf ein paar Reservate, die heute eher die Grundzüge eines Entwicklungslandes als die einer führenden Weltmacht tragen. Kulturüberfremdung ist das, was dort geschah. Sie fängt mit dem ersten Gewehr an, das gegen ein paar Felle getauscht wurde. Der Alkohol folgte alsbald. Man entführte sogar Kinder, um diese in Missionarsschulen mit Prügel zu weißen Menschen zu machen. Es gelang in keinem Fall. Aber es half, die Kultur und Spiritualität der Sioux zu unterdrücken. Als sie dennoch nicht von ihrem ‚heidnischen Tun‘ lassen wollten, verbot man ihre heiligen Rituale einfach. Schwitzhütten konnten nur noch im versteckten Outback stattfindet, der Sonnentanz konnte nicht mehr jedes Jahr gefeiert werden...
Sinnsuche

Die westliche Welt begann mit Beginn der 60er Jahre eine Sinnsuche nach den großen persönlichen Fragen. Die Menschen suchten sich einen Guru, einen spirituellen Lehrer und entdeckten Meditation, Yoga und TaiChi. Ein paar der suchenden Weißen verschlug es in die Reservate der Sioux. Den ersten folgten weitere spirituell Neugierige. Es gab Medizinmänner, die keinen Weißen in ihren Schwitzhütten duldeten. Es gab andere, die hin und wieder eine Ausnahme machten.

Einer der großen Medizinmänner, die diese Zeit prägten, war Archie Fire Lame Deer. Er sah die Zivilisationskrankheiten der westlichen Welt und ihre
symptomtragenden Menschen und wußte, dass die Entfremdung der Menschen von der Natur dem zu Grunde liegt. Er begleitete auch weiße Menschen in Schwitzhütte und Visionssuche. Auf einer Reise nach Kanada mit seinem Vater John Fire Lame Deer besuchten sie einen Landstrich, der durch den Goldabbau 15 Jahre zuvor völlig verwüstet war. (Riesige Maschinen fressen sich auf 50 m Breite durch Wald und Erdreich und waschen mit Hilfe von Quecksilber Gold aus der Erde. Was übrig bleibt ist unfruchtbares, verseuchtes Land...). Die beiden Sioux beteten für die Natur. Da bemerkten sie, dass vereinzelt die ersten Pflanzen in die Ödnis zurückkamen, (Birken natürlich). ‚Sie hin, Sohn: Wenn Maka, Mutter Erde, die Untaten der Weißen verzeiht – wer sind wir, dass wir es nicht auch tun‘, sagte der Ältere...

Im Ausdruck des Göttlichen in der Schöpfung
finden naturspirituelle Menschen Hinweis und Erkenntnis.
Hier wird Gottes Wille und Wirken deutlich.
Dies ist die höchste Instanz.
Ein Moment im Leben und Wirken von Archie Fire Lame Deer:
Er steht vor vier Schwitzhütten. Farben definieren die Himmelsrichtungen, nach denen die Schwitzhütte ausgerichtet ist.
Gelb, weiss, schwarzen und rot.
Es sind die Farben der Menschen.

Wenn der Schöpfer die Spiritualität der Sioux nur für die roten Menschen gedacht hätte, entsprächen die Farben der Himmelsrichtungen kaum denen der Menschen.
Irgendwann, sagte er, würden Menschen aller Farben in den Schwitzhütten auf der ganzen Welt zusammen kommen und gemeinsam darin beten...
Im Begriff des ‚Mitakuye Oyasin‘ – Alle meine Verwandten oder: ich bin mit Allem verwandt -, etwa wie das christliche Amen, sah er Aufgabe und Leitung und nicht nur eine Floskel...

So arbeitete Archie Fire Lame Deer nicht nur für seine roten Brüder, sondern für alle Menschen, die da kamen. Für ihn war entscheidend, welche Sprache das Herz eines Menschen sprach und nicht seine Hautfarbe.

Ärgerlich wurde der Medizinmann, wenn er sah, dass Weiße die Kultur der Sioux kopierten, Indianer sein wollten und plötzlich mit einer Feder im Haar herum liefen. Er war stolz auf seine Rasse und seinen Stamm und wollte nicht nachgeäfft werden.

Es war ihm ein wichtiges Anliegen, uns Europäern zu ermutigen, den Zugang zu unseren Wurzeln zu finden. So besuchte er die alten Plätze Europas aus unserer Zeit des naturspirituellen Stammeslebens, die Menhire, Hügelgräber und Monumente aus Keltentum und Megalithkultur.

Sein Wirken trägt längst fruchtbare Wurzeln.
Es gibt heute Schwitzhütte auf jedem Kontinent und irgendwo brennt auch gerade jetzt ein Schwitzhüttenfeuer. In der Tiefe gemeinsamen spirituellen Erlebens der heiligen Zeremonie begegnen sich die Menschen, Rassen und Religionen im ‚Mitakuye Oyasin‘ – in ihrer Verwandtschaft. Dies war seine Art von Arbeit für den Frieden.

Traditionalismus

Heute haben viele Sioux Angst um den Fortbestand der Kultur und Spiritualität ihrer Stämme. Zu weit ist die Kulturüberfremdung bereits geschritten. Der Nachwuchs der Medizinmenschen wird immer spärlicher. Auch Weiße trugen mit ihrem respektlosen Verhalten dazu bei, dass Restriktionen eingeführt wurden. So besinnt man sich auf die Traditionen und grenzt die Menschen anderer Hautfarbe aus. Man stellt Bedingungen für den Zugang zu Schwitzhütte und Visionssuche. Es ist der Versuch durch Ausgrenzung Anderer die Reinheit ihrer Rituale und heiligen Zeremonien zu bewahren. Doch so wird der Kreis immer kleiner...
Und ihr Nachwuchs verliert sich in den Städten und/oder im Alkohol.

Bei allem Verständnis für die restriktive Haltung der heutigen Medizinmänner erfüllt es mich doch mit Traurigkeit. Mein Herz weigert sich zu verstehen, dass die Kräfte der Schöpfung nur noch für die rote Rasse über das heilige Ritual der Schwitzhütte wirksam und erlebbar sein sollen. Auch gab es Visionssuchen in allen Kulturen – jetzt nur noch für native Völker? Ist es nur noch dem Roten erlaubt, ein Pfeifenritual zu leben? Dürfen wir nicht mehr lernen und wachsen durch das, was die Sioux durch die Zeit brachten?
Tradition und Spiritualität
oder: Stehlen wir den Indianern jetzt auch noch ihre Spiritualität?

Unter Ethnologen ist klar, dass sich die Menschheit auf der Erde in sehr gewaltigen Prozessen befindet: Das Aufeinandertreffen der Kulturen und Religionen findet ebenso statt wie die Globalisierung der Weltwirtschaft und der Finanzsysteme. Weder das Eine noch das Andere geschieht friedlich.
Dabei ist nicht nur der Konflikt Islam / Westliche Welt gemeint, der momentan mit Terror und Kriegen geführt wird, sondern auch die Situation der nativen Völker auf der Erde. Diese machen nicht durch Anschläge oder Entführungen auf sich aufmerksam – sie leiden meist still.
In unseren lauten Tagen modernen Mediendrucks gehen sie unter.

Grundsätzlich gilt es, Respekt vor einem Ältesten zu haben und seinen Worten Gehör zu schenken.
So war dies auch ein Jahr der Auseinandersetzung mit diesen Themen und den Traditionalisten... Ich bin dankbar um die Auseinandersetzung, denn es war Gelegenheit auch sich zu hinterfragen und die eigene Arbeit zu überdenken.

Es war nicht einfach für mich. Denn ich kann mich wohl kaum über die Aussage eines Medizinmannes stellen, der die heilige Pfeife von der weißen Büffelkalbfrau hütet, dem heiligsten Medizingegenstand der Sioux. Es wäre überheblich zu meinen, ich könne der roten Rasse erklären, wer eine Schwitzhütte geben darf und wer nicht, und vor allem: wie und wer hinein darf.

In den Schwitzhütten und Wachnächten des Jahres stellte ich mich diesen Fragen.
Ich gewann hierdurch Klarheit.

Hier stehe ich:
Ich bin in Respekt und Wertschätzung für die Sioux, ihre Kultur und Spiritualität und vor allem, was ihnen heilig ist. Ich erkenne, dass ein spirituelles Ritual immer kulturelle Traditionen und Regeln enthält, und aus spirituellen Traditionen besteht. Letztere sind es, die erst aus einer ‚Natursauna‘ ein heiliges Schwitzhüttenritual gestalten.
Die kulturellen Traditionen Anderer, auch die der Sioux, habe ich zu achten. Ich bewerte sie nicht. Ich ahme sie nicht nach.
Den spirituellen Traditionen bin ich verpflichtet.

Ich werde weiterhin meiner Vision folgen.
Meine Arbeit ist ein Dienen der Schöpfung, auch den Menschen im Kreis der Schwitzhütte.
Die höchste Autorität ist die Schöpfung.
Aus ihr kamen über Inian Hokshi, dem Steinkind und der Weißen Büffelkalbfrau die heiligen Rituale.
Sie stehen allen Menschen offen, allen Rassen, allen Farben der Himmelsrichtungen, die ‚guten Herzens‘ sind.
Die Sprache des Herzens ist die entscheidende, nicht die einer Kultur.
‚Mitakuye Oyasin‘ ist keine Floskel. Nur wenn diese Verwandtschaft mit Allem auch gelebt wird, erfährt sie sich in ihrer tiefen Bedeutung.

Aus Spiritualität wird Religion durch das Wirken von Menschen.
Um aus Naturspiritualität keine Religion werden zu lassen bedarf es Bescheidenheit und Aufmerksamkeit.
Hingabe ist die Grundlage einer guten Arbeit in einer ‚Medizin‘, zum Beispiel auch die, eine Schwitzhütte zu geben, sie geschehen zu lassen. Mit dem auswendigen Singen ritueller Lieder alleine ist es nicht getan.
Es gibt keine ‚Zutatenliste‘ für die Schwitzhütte, kein man nehme..., man mache... Es macht!
Kein Mensch kann einer Schwitzhütte ihren spirituellen Inhalt geben, höchstens den Rahmen dafür. Wer meint, er selbst sei der Schöpfer einer guten Schwitzhütte läuft Gefahr, Spiritualität und Ritual für seine Egopflege zu missbrauchen: Er/Sie ‚vermenschelt‘ Spiritualität, meint es liefe besser mit dem menschlichen als mit göttlichen Wirken...


Ich bleibe auf meinem roten Pfad.
Ich lebe meine Vision.
Damit stehle ich weder Ritual noch Spiritualität.
Kann man den Himmel stehlen?
Ich habe gesprochen
Anemetu
Der mit dem Wind reist.


PS: Aufruf!
Der Schamanismus gilt als eine der ältesten Heilmethoden der Menschheit.
Doch gilt es heute, ihn weiter zu entwickeln.
Die moderne Medizin mit ihren Möglichkeiten, bereits klinisch Tote 'zurückzuholen', Amputationen, Organtransplantationen, Narkosen, usw. stellt an die SchamanenInnen weltweit die Aufgabe, sich um die seelische Seite dieser Maßnahmen zu kümmern.
Was geschieht mit der Seele bei Transplantationen?
Welche Begleitung können wir KlientenInnen anbieten die operiert werden?
Was ist mit komatösen Patienten?

Lasst uns gemeinsam für Jugendliche arbeiten und ihnen mit Schwitzhütten und Visionssuchen einen spirituellen und wirksamen Rahmen bieten, erwachsen zu werden. Durch die Kraft und Heiligkeit der Rituale können wir vielen Menschen helfen, sich und ihren Platz in der Welt zu finden.

Wenn wir aus allen Kulturen schamanisches Wissen zusammentragen und uns in Achtung und Respekt - bei allen Unterschieden - austauschen und miteinander wachsen, wird es möglich sein, den Schamanismus so weiter zu entwickeln, dass er auf der Höhe der Zeit den Menschen in ihren seelischen Nöten dient.

Hört auf mit destruktivem Wirken gegeneinander!
Kommt zusammen in neuen Kreisen!
Beginnt mit einem konstruktiven Miteinander!

Mitakuye Oyasin
Wenn es nach dem heutigen Hüter der heiligen Pfeife, Orwell Looking Horse, geht: Nein.
In einer Proklamation(!) setzte er ein restriktives Regelwerk in die Welt.
Es stellt quasi ein Spiritualitätsverbot für alle dar, die nicht Sioux sind: Keine Schwitzhütten, kein Gebet mit einer heiligen Pfeife, kein Sonnentanz, keine Visionssuche...
Er  spricht darin für alle Menschen...
Mensch - Natur.Die Seele.Ethnomedizin.Ausbildung.Seminare.Information - Kontakt.
Hintergrund

Tradition und Spiritualität
Medizinmenschen.

Heyoka.

Yuwipi.

Wayatan.

Peyuta Wicasa.

Wicasa Wakan.

Winkte.

Schamane.

Amanita.

Trommelmythe.

Peruanische Mesa.

Tradition.

Wörterbuch.

Ethnomedizin
Themen
Copyright  © Alle Rechte vorbehalten by: Christian Vogel, Ingolstadt
Impressum