'... und wenn du vom Gewitter träumst, bist du Heyoka - ein Donnerträumer...'


Der/die Heyoka ist schwierig zu erklären - fehlen doch in unserem Kulturkreis passende Begriffe wie Berufe.

Versuchen wir es einmal so: In einem Heyoka steckt ein bisschen Hofnarr, Pippi Langstrumpf, Clown, metereologischer Magier, Kabarettist, Berufsopponent, Widersacher, Heiliger und Verrückter.



Wenn ein Heyoka in seine Medizin geht, macht er viele Dinge anders: An einem heissen Sommertag läuft er in Winterkleidung herum und beschwert sich über die Kälte und den Schneesturm.

Im Winter läuft er beinahe nackt durch den Schnee und schwitzt. Wenn alle weinen, lacht er; wenn alle lachen, trauert er...

 


Der Heyoka zeigt uns durch seine Medizin immer eine andere Rolle, eine andere Möglichkeit auf, die zum 'normalen' Verhalten im Gegensatz liegt.

Er wird somit zum Meister der Perspektive und macht aus der unterschiedlichen Betrachtung eines Themas das Erkennen desselben für alle Beteiligten leichter.



Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, sie stünden auf dem Münchner Marienplatz und sollten das Rathaus beschreiben. Nachdem Sie es ausgiebig betrachtet haben, geben Sie ihre Eindrücke so gut wieder, wie Sie können... Gleichzeitig stehen andere Menschen vor der gleichen Aufgabe, einer steht auf der Rückseite des Gebäudes, einer links und einer rechts davon, einer sitzt auf dem Dach und ein weiterer hat sich im Gebäude verlaufen... Wir haben nun 6 verschieden Beschreibungen einer Realität, alle sind richtig, wenn auch unter Umständen widersprüchlich.

Der Heyoka nimmt alle Positionen ein. Er ist mit einer einzigen Betrachtungsmöglichkeit nicht einverstanden, er sieht die Realitäten nicht durch ein Monokel - sondern durch ein Prisma.

So ist es nicht verwunderlich, dass viele große Medizinmenschen, wie z.B. Crazy Horse und Tacha Ushte (Lame Deer), auch Heyoka waren. Die Vielfältigkeit des Heyoka in der Schau auf (in) eine Krankheit und deren Ursache(n) gelingt dem Heyoka aus seinen multiplen Perspektiven, sodass für ihn ein umfassenderes Bild entsteht, als anderen heilerisch tätigen Menschen dies möglich wäre.

 

Wissenschaftlich erwiesen ist, dass über 90 % aller Eindrücke dessen, was wir für Realität halten, aus dem Gedächtnis gespeist werden. Unser Verstand rechnet permanent eine eigene Realität hoch, je nach persönlicher Geschichte und Erfahrung, Kultur und soziologischem Hintergrund, Religion und Bildung. Es ist, als wenn wir permanent durch eine Brille schauen würden. Der Heyoka schaut durch viele verschiedene Brillen...


In der Soziologie der Sioux nimmt/nahm der Heyoka als spiritueller Verrückter einen wichtigen Platz ein, denn er verhinderte u.a. durch sein Wirken auch das Entstehen von Egoismen bei Häuptlingen oder Medizinmenschen, sodass aus  gelebter Spiritualität keine Religion werden konnte, die dem Machterhalt einer  'Priesterclique' mehr dienen würde, als den Menschen...

Ich glaube, dass ein Heyoka den ganzen Tag hinter einem Medizinmann herlaufen und ihn verarschen würde, wenn der ein Egoproblem hätte...

Bei den heutigen innerethnischen Konflikten der Sioux wird oft das Wirken eines guten Heyoka vermisst.


Heyoka sind mit dem Donnervogel, Wakinyan verbündet.

In der Schöpfungsmythe der Lakota ist Wakinyan der 8. Spirit, der geschaffen wird.

Dem entsprechend findet sich auch in der Schwitzhütte ein Platz, der für ihn steht.

Blitz

Zwei Sinne: Blödsinn und Unsinn

 

Den heutigen mitteleuropäischen Gesellschaften, in denen ein Leben nach Konzepten geplant wird, täten Heyokas recht gut.

(Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, mach' einen Plan.')


Der Heyoka ist ein Harlekin-Ritter auf einem unverständlichen Kampf gegen Vorurteile, Engstirnigkeit und Verbohrtheit.


Er bringt das Chaos in zu viel Ordnung, Bewegung in lähmende Langeweile und schlägt hin und wieder wie der Blitz in überkommenen Strukturen ein.


Der Heyoka könnte die Figur des Wassermannzeitalters sein...

Der Donnervogel ist als mächtiger Spirit für die Entstehung von Blitz und Donner, Regen und Unwetter verantwortlich. Er ist so gross, dass ihn noch niemand in Gänze sehen konnte. Im permanenten Wettstreit mit der Sonne hat mal der eine, mal der andere die Überhand.

 

Eine direkte Verbindung von Wakinyan und dem Menschen durch einen Blitzschlag ist aber relativ selten. 30 bis 50 Menschen werden jährlich in Deutschland vom Blitz getroffen, 90 % überleben. Den Rekord an Blitzschlägen trägt ein Parkranger aus den USA - er wurde 7 x getroffen. (Und brachte sich dann aus Liebeskummer um. Es war wohl ein Heyoka) ;)


Blitze, die in Dünen der Sahara fahren, kreieren im Inneren eine Skulptur aus geschmolzenem, verglastem Sand. Blitzgräber sind diesen Zeichen Wakinyans auf der Spur und graben sie aus.

Auch beim Menschen hinterlässt Wakinyan eine eindeutige Zeichnung, die s.g. Lichtenbergsche Figur. In der Regel verblasst diese nach einigen Tagen. (Siehe Bild unten links)

'... und wenn du vom Gewitter träumst, bist du Heyoka - ein Donnerträumer...'


Ist es so einfach, ein Medizinmann (-frau) zu werden?


Nun ist nicht jeder Mensch, der von Blitz und Donner träumt, automatisch ein Heyoka.

Aber sicher ist, dass ein Mensch (egal welcher Hautfarbe!), der spirituell hier Zuhause ist, sich nach einem derartigen Traum ernsthaft mit dieser Frage auseinandersetzen wird.


Das Heyoka-Werden ist nicht schwer, Heyoka sein dagegen sehr!


Von aller Ethnomedizin, die ich kennenlernen durfte, ist die des Heyoka wohl die schwerste.


Die 'Verrücktheit', die der Medizin so zu eigen ist, will gelebt werden. Und dies verändert eine/n Heyoka mehr, als ihm/ihr lieb sein kann...


Es geht nicht darum, zum Witzbold zu werden, sich dauernd daneben zu benehmen, oder andere mit gekünstelten Narreteien zu nerven. (Davon gibt es im Alltag wohl mehr als genug).


Diese Medizin ist kein Freibrief für Peinlichkeiten, die der Egopflege der Protagonisten dienen - auch wenn ein Heyoka einen solchen 'Auftritt' wohl mit einem Orden belohnen würde - aber das wär dann wohl eher andersrum gemeint.


Bemerkungen eines Heyoka: Der Zeitgeist.

Biene Maya vor dem Tipi Kurz vor dem Flug Blitzzeichnung auf der Haut Schreiben ist schwer

Medizinmenschen: Heyoka, der Donnerträumer

Symbol Donnervogel

Dies ist nicht revolutionär oder allein gesellschaftlich gemeint, sondern auch persönlich. Eine 'Prise gelebter Heyoka-Aspekte' im eigenen Leben könnte der gleichförmigen Existenz in einer normopatischen Gesellschaft den gesunden Ausgleich bringen, der für die fruchtbare Entfaltung der Seele Not-wendig ist.


Der Unsinn und der Blödsinn sind für eine/n Heyoka durchaus auch Sinne.

Sie dienen der Wahrnehmung des Skurilen, Gegensätzlichen und Widersprüchlichen im Leben.


Das Wort ‚Wissen’ stammt aus der gleichen Wortwurzel wie auch der Begriff ‚Witz’...


Der Schlüssel zur Medizin des Heyoka ist eine (Heyoka-Medizin)-Frage:

 

'Wie gehst Du mit einer Situation um'?


Hintergrund ist, dass wir oft nach alten Mustern reagieren, statt mit einer befreienden Leichtigkeit neue Optionen des Agierens kreativ auszuprobieren.

Dieser Weg seelischer Gesundung erfährt Unterstützung durch diese selbstreflektorische Frage.


So verändert sich die eigene Betrachtungsweise von Realitäten, gesellschaftlichen wie privaten Zwängen, in denen man sich wähnt, und ermöglicht Freiheiten zu leben, die der persönlichen Entwicklung förderlich sind.


Wenn bei diesem Wachstumsprozess auch das Lachen über sich selbst gelebt und die notwendige Arbeit mehr im Innen statt im Aussen gelebt wird, ist eine spannende seelische Entfaltung zu wirklicher seelischer Freiheit und somit Authentizität im Gange.

 

PS:

Eine bekannte Heyoka (gewisserweise) aus unserem Kulturkreis: Pippi Langstrumpf.

Amanita-Bett unter dem Himmel Waschmaschinen Hoppserei Sonnenaufgang - Balken oben

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Sonnenaufgang auf der Erde: Balken oben. Sonnenaufgang auf der Erde: Balken oben.

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